Rezension von Jerry Dubins ...

TCHAIKOVSKY Symphony No. 1 • Yuri Botnari, Conductor; Moscow PO • ROYAL MUSIC SOCIETY 10046 (43:22)

„Der erste Pfannkuchen misslingt immer“, lautet eine hierzulande wenig bekannte Metapher, und es heißt, mit der ersten Symphonie eines Komponisten verhält es sich wie mit dem sprichwörtlichen ersten Pfannkuchen – sie misslingt unweigerlich. Das kann man von Tschaikowskys erster Symphonie „Winterträume“ nun keineswegs behaupten. Sie ist nicht bloß gut gelungen, sondern ein echtes Meisterwerk, deutlich besser als die beiden darauffolgenden Symphonien, die „Kleinrussische“ (Nr. 2) und die „Polnische“ (Nr. 3). Und wenn die eingangs erwähnte Metapher nicht unbedingt für Komponisten gilt, dann gilt sie erst recht nicht für die Dirigenten, die besagte Stücke dirigieren.

Die vorliegende Aufnahme ist die erste eines Zyklus’ von Tschaikowskys Symphonien, die das Moskauer Philharmonische Orchester unter der Leitung von Yuri Botnari neu eingespielt hat. Ich möchte vorweg erwähnen, dass ich sie auf CD erhielt, in einer schlichten Kartonhülle ohne jegliche Kommentare, allerdings informierte mich der Maestro höchstpersönlich in einer E-Mail, das Album sei derzeit nur online erhältlich, etwa über seinen Webauftritt yuribotnari.hearnow.com. Dort finden sich die entsprechenden Buttons und Links zu den bekanntesten Download- und Streaming-Diensten – Apple Music, Amazon, CD Baby, Deezer, iTunes und Spotify. Bei CD Baby kann bzw. konnte es für einen beschränkten Zeitraum sogar kostenlos heruntergeladen werden; gut möglich, dass dieses Angebot nicht mehr aktuell ist, wenn diese Information meine Leserschaft erreicht. Zudem steht die Einspielung auf der Webseite der Royal Music Society (royalmusicsociety.us) für Download und Streaming zur Verfügung.

Yuri Botnari war von 1998 bis 2002 als Assistent des renommierten russischen Dirigenten Gennadi Roschdestwenski tätig. 2003 tourte er dann als Dirigent mit den Moskauer Philharmonikern, einem Orchester, das bereits von einer ganzen Reihe renommierter russischer Dirigenten geleitet wurde, darunter Kirill Kondraschin, Dmitrij Kitajenko, Wassili Sinaiski, Mark Ermler und Yuri Simonov, um die fünf wichtigsten zu nennen. Mittlerweile ist Botnari Chefdirigent des Philharmonieorchesters Barcelona, wurde zum Ehrendirigent der Moskauer Philharmoniker ernannt und ist zudem Präsident der in den USA angesiedelten Royal Music Society, von der die vorliegende Aufnahme produziert wurde.

Im selben Jahr, in dem Tschaikowsky seine Lehrtätigkeit am Moskauer Konservatorium aufnahm, schrieb der zu diesem Zeitpunkt Sechsundzwanzigjährige seine erste Symphonie, die den Anschein erweckt, als wäre sie ihm mühelos und ohne jegliche Anstrengung aus der Feder geflossen, ja, als wäre er bei ihrer Erschaffung auf den Flügeln der Inspiration dahingesegelt. Doch der Schein trügt; in Wahrheit war die Arbeit daran ein Kampf, ein von Zweifeln geprägter Prozess, der den jungen Komponisten an den Rand eines Nervenzusammenbruchs brachte.

Tschaikowskys größtes Problem war, wie es scheint, ein Phänomen, das nicht nur Komponisten, sondern alle jungen Männer erleben, die meisten schon bedeutend früher, nämlich den genetisch vorprogrammierten Drang zu rebellieren.
Tschaikowskys erste Symphonie war ein Akt der Rebellion gegen Anton Rubinstein und die traditionalistische Führungsriege des Petersburger Konservatoriums, an dem er studiert hatte, eine Art Warnschuss, und Rubinsteins Reaktion fiel erwartungsgemäß aus: „In der vorliegenden Fassung nicht aufführbar“ lautete sein Urteil, als Tschaikowsky ihm die Partitur vorlegte, und das würde sie auch bleiben, sofern und solange Tschaikowsky nicht gewillt war, umfassende Änderungen daran vorzunehmen.

Selbst nach erfolgter Überarbeitung der Partitur hatte Rubinstein noch Vorbehalte, dennoch erklärte er sich bereit, den zweiten und den dritten Satz zu dirigieren. Die Kritik war enttäuschend, doch genau das lieferte Tschaikowsky den nötigen Anstoß für die endgültige Auflehnung: In einem Anflug von Groll revidierte er mit einer Ausnahme sämtliche Änderungen, auf die Rubinstein und Nikolai Zaremba (ein weiterer Lehrer Tschaikowskys in Sankt Petersburg) bestanden hatten, kehrte mit seiner Partitur nach Moskau zurück und brüskierte Anton Rubinstein, indem er die Symphonie dessen jüngerem Bruder Nikolai widmete, dem Gründer des Moskauer Konservatoriums, an dem Tschaikowsky kurz zuvor einen Lehrauftrag erhalten hatte. Jahre später, 1883, sollte Tschaikowsky an seine Mäzenin Nadeschda von Meck schreiben: „… obwohl das Werk [die erste Symphonie] in vielerlei Hinsicht sehr unausgegoren ist, hat es im Großen und Ganzen mehr Substanz und ist gelungener als all meine reiferen Werke.“
Ob das Stück tatsächlich besser ist und mehr Substanz hat, darüber lässt sich streiten, aber als unausgegoren würde ich es definitiv nicht bezeichnen. Meiner Ansicht nach hat die Musik etwas geradezu Märchenhaftes, Mystisches – sie erinnert mich an das Ballett „Der Nussknacker“, das der Komponist erst sehr viel später – im Jahr 1892 – schrieb, insbesondere an jene Szene am Ende des ersten Aktes, in der Clara und der Prinz auf dem Weg durch den Tannenwald im Mondschein von Schneeflocken umtanzt werden. Viel von dieser Magie, dieser Poesie, dieser unschuldigen Schönheit offenbart sich bereits in Tschaikowskys erster Symphonie. Hinsichtlich ihres Sinngehalts mag „Winterträume“ nicht unbedingt seine herausragendste Symphonie sein – sie befasst sich nun einmal nicht vorrangig mit existentiellen, fundamentalen Fragen der Conditio humana; dafür finden sich darin meiner Ansicht nach seine schönsten Melodien, so wie bei Mozart in der Oper „Die Zauberflöte“, von der wohl auch niemand behaupten würde, sie sei von all seinen Bühnenstücken das beste oder wichtigste. In beiden Fällen zeichnet sich die Musik jedoch durch besondere Anmut und Erhabenheit aus.

Es gibt nur einen Ausdruck, um diese Aufführung von Tschaikowskys erster Symphonie und ihre Aufzeichnung zu beschreiben: atemberaubend. Nur selten – wenn nicht gar noch nie – habe ich es erlebt, dass der erste Satz so eindrücklich Bilder von einer Schlittenfahrt durch frisch verschneite Landschaften heraufbeschwor, nie war beim zweiten Satz das Gefühl der russischen Sehnsucht so intensiv, so deutlich spürbar. Es ist sensationell, welche Details von Yuri Botnari aus der Partitur herausarbeitet und auf der Aufnahme hörbar gemacht wurden. Botnari und die Moskauer Philharmoniker meistern die Synkopen und Akzente des Scherzos perfekt, und zum Ende hin ist der Schnee geschmolzen und der Frühling angebrochen, und Orchester und Dirigent bescheren der Symphonie ein grandioses Finale.

Ich habe lange eine besondere Vorliebe für die Aufnahme von Tschaikowskys erster Symphonie gehegt, die das Boston Symphony Orchestra 1971 unter der Leitung von Michael Tilson Thomas eingespielt hat. Es gibt noch weitere herausragende Interpretationen - von Claudio Abbado und dem Chicago Symphony Orchestra oder von Antal Doráti und dem London Symphony Orchestra beispielsweise, sowie zwei neuere, eingespielt von zwei Dirigenten, deren Gesamtaufnahmen der Tschaikowsky-Symphonien ich verfolgt und durchwegs positiv besprochen habe, nämlich die von Michail Pletnjow mit dem Russischen Nationalorchester sowie die von Dmitri Kitajenko und dem Gürzenich Orchester Köln.

Doch die vorliegende Aufnahme von Yuri Botnari und den Moskauer Philharmonikern stellt sie alle in den Schatten. Jeder, der diese Aufführung hört, wird mir zweifellos zustimmen, dass dies Tschaikowskys schönste Symphonie ist. Und sowohl Botnari und die Musiker als auch der Tonmeister Pavel Lavrenenkov und die Akustik des Rachmaninow-Konzertsaales in Moskau haben einen maßgeblichen Anteil daran.

Jerry Dubins
Übersetzung: Ursula C. Sturm

https://music.yandex.ru/album/7156549
https://www.youtube.com/watch?v=2L9VWQs2mkM&

 

 

 

 


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